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Ausdruck

….auch wenn ein Artikel über Ausdruck nichts in einem Choreografiebuch zu suchen hat. Aber weil zu wenig Ausdruck die schönste Choreografie ruinieren kann, gehört er eben doch dazu.
Ausdruck ist ein häßliches Wort. Ausdrücken kann man eine Zahlpasta-Tube, sich selbst ausdrücken ist nicht so der Hit.
Andererseits: wenn es heißt, dass bei den Darstellerinnen, Turnern und Artistinnen „der Ausdruck fehlt“, wissen alle was gemeint ist. Also wollen wir uns nicht am Wort aufhängen.

Was fehlt, wenn der Ausdruck fehlt? Es mangelt an Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit (z.B. glauben wir nicht, dass den Darstellern wirklich Spaß macht, was sie auf der Bühne treiben), es will kein „Funke überspringen“ (d.h. die Kommunikation zwischen Bühne und Publikum funktioniert nicht).

Das lässt sich alles auf zwei Punkte reduzieren: die Darsteller, Tänzerinnen, Akrobaten haben entweder Angst oder sie stehen nicht hinter dem, was sie auf der Bühne zeigen.

Wenn sie Angst haben, sind sie verkrampft und nur auf sich selbst und die Fehlervermeidung konzentriert; wenn sie nicht dahinterstehen, finden sie es langweilig oder gar peinlich, was sie gerade tun. In beiden Fällen macht ihnen der Auftritt keinen Spaß.

Und auch wenn das „keinen-wirklichen-Spaß-dran-haben“ nur in homöopatischen Dosen vorhanden ist: das Publikum riecht das sieben Meilen gegen den Wind.

Und das weitere ist ganz einfach. Haben die Leute auf der Bühne keinen Spaß an ihrem Tun, haben die Leute im Zuschauerraum auch keinen Spaß an ihrem Tun. Denn zwischen diesen beiden Parteien ist ein Kommunikationsprozess im Gange, bzw. es sollte einer in Gang kommen. Präsentieren und rezipieren, vormachen und zuschauen, auch das ist Kommunikation. Und wenn eine Seite keine Lust hat, verliert die andere Seite die Lust ebenfalls. 

Die körperliche und unbewusste Grundlage für diese Kommunikation ist das, was die Neuropsychologen „das Spiegeln“ nennen: der eine Kommunikationspartner übernimmt ganz direkt Körperhaltungen und -spannungen und damit auch die Gefühlslage von seinem Gegenüber. 

Also die Ausdrucksbremsen sind die Angst und das Nicht-dahinter-stehen. Wo kommen sie her? Was kann man dagegen tun?

Die Angst:

Fehler gelten als Katastrophe. Man darf jaaaa keine Fehler machen.
Abhilfe bringt die Grundregel: Auf der Bühne gibt es keine Fehler! Alles, was Du auf der Bühne tust, ist in genau diesem Moment genau richtig und selbstverständlich so gedacht. (Liebe Jongleure: Drops bitte gleich einplanen!)

Der Ehrgeiz (des Trainers? der Eltern?) ist zu groß. Die Bühnenpräsentation wird zu ernst genommen, der Anspruch ist übermäßig.
Abhilfe: Ansprüche herunterschrauben. Den Druck rausnehmen. Die Balance zwischen Auftritts-Aufregung und Entspannt-sein suchen. Und möglichst finden.

Die Tänzerinnen und Akrobaten sind tatsächlich technisch überfordert.
Abhilfe: Immer Bewegungsmaterial verwenden, das für die Gruppe geeignet ist. Die Fähigkeiten der Gruppe sind ausschlaggebend, nicht die Träume der Choreografin. Und dann genug Probenzeit einplanen.

Die Spieler haben einfach Angst vor dem Publikum. (Das ist kein Charakterfehler, das haben Profis auch.)
Abhilfe: Die Gruppe stufenweise an’s Publikum gewöhnen. Immer mal Zuschauer zu Proben einladen. Zunächst kurze Auftritte und kleine Rollen für besonders scheue Spieler arrangieren.

Das Nicht-dahinter-stehen: 

Die Kiddies – pubertätsnah – kommen gerade mit sich selbst nicht klar und finden alles uncool.
Da ist mitunter einfach nichts zu machen. Da kann man nur: sie trotzdem mögen und Geduld haben. Und vielleicht auch mal: nicht auf die Bühne gehen.

Der Bewegungsstil passt nicht zur Gruppe.
Das zu verhindern ist Sache der Choreografin. Nicht immer wünscht sich die Gruppe, was zu ihr passt. Auch die Musikauswahl spielt hierbei eine große Rolle. 

Die Bewegungsabläufe sind für die Spielerinnen bedeutungslos, sie werden quasi auf Anweisung ausgeführt.
Die Gruppe beim Choreografieren einbeziehen! 

Eigentlich passt alles, aber die Choreo wirkt trotzdem nicht lebendig.
Man kann Ausdruck trainieren. Unten stehen einige Vorschläge.

Eine Spezialform von Nicht-dahinter-stehen ist das Nicht-dabei-sein:

Einzelne sind (oder die ganze Gruppe ist) abgelenkt, es stehen Prüfungen an, es gibt Probleme auf der Arbeit oder in der Familie.
Versuchen, Abstand zur Ablenkung zu schaffen. Indem vor dem Auftritt genügend Zeit eingeplant wird z.B. für eine kleine Trainingseinheit, ein angenehmes Gespräch, eine vorgelesene Geschichte, ein Spiel – etwas, was die Gruppe spielerisch verbindet. Lustig ist auch ein Brainstorming zum Thema: wer ist heute unser Publikum? Jeder beschreibt eine fiktive Zuschauerin, woher sie heute kommt, auf was sie sich besonders freut etc. 

Und: Alle guten Ratschläge, die das Wort „Konzentration“ enthalten, sind vor der Aufführung schlecht plaziert. 

„Konzentriert euch auf die Schritte, die Abläufe, die Musik.“ Nein. Wenn sich die Darstellerinnen und Tänzer noch darauf konzentrieren müssen, ist die Darbietung noch nicht bühnenreif. Bühnenreif ist die Nummer dann, wenn genau das alles völlig von selbst und mühelos klappt. „Richtet eure Aufmerksamkeit (nicht Konzentration!) auf den Moment, auf alles, was um Euch herum passiert, z.B. auf das Publikum: seid wach!“

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